Die Hauptstraße ist kurz. Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher, drei Laternen, die funktionieren. Morgens um halb sieben geht das Licht in der Bäckerei an - Helga Pietsch steht schon seit vier Uhr am Ofen. Ihre Brötchen sind das Erste, was in Kamnitz nach etwas riecht. Mehl, Butter, Wärme. Die Alten kommen früh, nicken sich zu, reden wenig. Die Schulkinder holen sich Splitterbrötchen auf Kredit. Helga schreibt nichts auf. Sie merkt sich alles.
Gegenüber steht der Konsum, halb leere Regale, fluoreszierendes Licht, eine gelangweilte Kassiererin. Daneben ein Schaufenster mit vergilbten Gardinen: Frau Winklers Kräuterladen. Selten offen, nie leer. Wer reingeht, kommt mit kleinen Tütchen wieder raus und redet nicht drüber.
Abends gehört die Straße der Grubenschänke. Karla Noack steht hinter dem Tresen wie eine Festung - Arme verschränkt, Blick wach, Geschirrtuch über der Schulter. Sie kennt jeden. Sie weiß, wer wann mit wem, wer Schulden hat, wer lügt. Ihr Gulasch ist das beste im Umkreis, ihre Kommentare sind es nicht. Die Bergmänner sitzen an der Theke und husten in ihre Gläser. Sie reden von früher, als die Schächte noch offen waren, als es noch Arbeit gab, als Kamnitz noch jemand war. Jetzt trinken sie und warten. Worauf, weiß keiner.
Die Jüngeren kommen später - wenn überhaupt. Ein Bier, vielleicht zwei, dann weiter. Wohin? Nach Hause, wo die Eltern vor dem Westfernsehen sitzen. In den Park, wo keine Laternen brennen. Zur Bushaltestelle, obwohl kein Bus mehr kommt.
Nachts gehört die Straße anderen. Betrunkene, die aus der Schänke torkeln, sich an Hauswänden abstützen, in Vorgärten pissen. Und manchmal - öfter in letzter Zeit - Springerstiefel auf Kopfsteinpflaster. Zwei, drei Glatzen, die durch die Gassen ziehen, nach jemandem suchen, den es zu suchen lohnt. Bomberjacken, Bierdosen, Parolen an Hauswänden. Die Alten ziehen die Gardinen zu. Die Polizei ist in Aue, zwanzig Minuten entfernt, wenn sie überhaupt kommt.